Eine Reise nach «Little Tibet» im Jahr des Mitgefühls

    Jacqueline Tsering, Stiftungsratspräsidentin der Tsering Foundation, ist eine Schülerin Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama. Sie studierte in den 1990er Jahren in Dharamsala, Himachal Pradesh, Indien. Im Rahmen des 90. Geburtstages im Juli, besuchte sie Dharamsala und überbrachte ihm unter anderem sein Geburtstagsgeschenk. Hier erzählt sie von ihren Eindrücken, der Gastfreundschaft der Tibeter und den zentralen Lebensweisheiten des Buddhismus.

    (Bilder: zVg) Der Dalai Lama mit der Stiftungsratspräsidentin Jacqueline Tsering während der Audienz.

    Sie waren als Stiftungsratspräsidentin der Tsering Foundation vom 25. September bis 11.Oktober 2025 in Dharamsala und haben dort im Rahmen des diesjährigen 90.Geburtstages den Dalai Lama besucht. Was sind Ihre prägendsten Eindrücke, die Sie mit nach Hause genommen haben von diesem Besuch?
    Jacqueline Tsering: Dharamsala ist der Sitz der Tibetischen Exilregierung und Wohnort von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama. Sein 90. Geburtstag wurde am 6. Juli 2025 gefeiert. Meine prägendsten Eindrücke sind die Audienz bei Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama, sowie Audienzen bei weiteren hohen buddhistischen Würdeträgern, auf die ich mich in diesem Interview noch beziehen werde. Zudem besuchte ich Freunde und Bekannte, war Dharamsala in den Jahren 1991 bis 1998 doch meine zweite Heimat. Der Aufenthalt in Dharamsala hat mich deshalb persönlich sehr erfüllt und erfreut.

    Sie sind bestens mit der tibetisch-buddhistischen Kultur vertraut. Wie ist es möglich, den Dalai Lama zu besuchen und wie würden Sie die Stimmung und Atmosphäre in Dharamsala beschreiben?
    Die Audienz musste vorgängig im Privatbüro von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama schriftlich beantragt werden. Vor der Audienz mussten Pass und Visa nochmals persönlich vorgelegt werden. Verständlicherweise folgte ein gründlicher Security Check vor Ort. Ich habe die Stimmung als ausserordentlich friedlich wahrgenommen. Die Menschen strömen aus allen Weltgegenden nach Dharamsala, um Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama zu sehen: Mitglieder von Regierungen, NGO’s Nichtregierungsorganisationen, buddhistische Gelehrte, Buddhisten und Touristen aus der ganzen Welt. Diese Kleinstadt im Himalaya ist deshalb sehr international geprägt.

    Am 27. September hatten Sie eine Audienz beim Dalai Lama. Wie haben Sie ihn da erlebt?
    Seine robuste Gesundheit, mitfühlende und liebevolle Ausstrahlung sind bewundernswert und offensichtlich. Viele Menschen, die ihm begegnen, erzählen von dieser speziellen Ausstrahlung. An seinem Geburtstag sagte er, sich den Rest seines Lebens für das Wohl der Menschen einzusetzen. An der Audienz vom 27. September nahmen mehrere hundert Personen teil (vorwiegend Buddhisten aus der Himalaya Region). Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama segnete jede Person einzeln.

    Sie hatten sein Geburtstagsgeschenk – fünf Kinderbücher, die vom Bildungsdepartement der Tibetischen Exilregierung in Auftrag gegeben und von der Tsering Foundation finanziert wurden – im Gepäck. Was bedeuten diese Bücher für den Dalai Lama und die Tibeter?
    Die Bücher beinhalten die Biografie Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama und seine vier Hauptverpflichtungen (Förderung menschlicher Werte, Förderung der religiösen Harmonie, Bewahrung der Kultur und Umwelt Tibets, Wiederbelebung der alten indischen Weisheit). Diese Bücher wurden jedem tibetischen Kind, welches in der Schweiz die tibetische Schule besucht, geschenkt. Ich habe Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama diesbezüglich wie folgt mündlich informiert: «Tashi Delek, Eure Heiligkeit. Mein Name ist Tenzin Dekyi, ich bin Ihre Schülerin und komme aus der Schweiz. Meine Tsering Foundation hat diese Bücher finanziert. Sie sind mein Geschenk zu Ihrem 90. Geburtstag und wurden bereits an alle tibetischen Schulen in der Schweiz und in einigen anderen Teilen der Welt verteilt. Mögen sich Ihre Wünsche erfüllen. Mögen Sie so lange wie möglich leben.»
    Seine Heiligkeit sagte zu mir: «Thank you.» Seine Freude über dieses Projekt war sicht- und spürbar. Er gab mir die Hand, streichelte über meine Wange, legte seine Hand auf meinen Scheitel und segnete mich. Mit der persönlichen Überbringung dieser Bücher an Seine Heiligkeit hat sich mein Wunsch erfüllt – etwas zum Erhalt der tibetisch-buddhistischen Kultur beizutragen. Dies war auch meine Motivation die Tsering Foundation zu gründen.

    Was bedeuten die Kinderbücher für die Tibeter ?
    Wir haben das im Vorwort zu den Büchern wie folgt ausgedrückt: «Anlässlich des 90. Geburtstags Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama wünschen wir ihm unendliches Glück und Segen. In diesem beglückenden Moment, inmitten seiner unermesslichen Aktivitäten für alle Wesen, verpflichten wir uns, die Essenz der vier Verpflichtungen zu achten und zu würdigen und ihr Verständnis zu fördern und anderen zu vermitteln. Abschliessend wünschen wir Seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama, die Erfüllung seines Versprechens, seine Institution in dieser Welt fortzuführen, ein langes Leben und den Fortbestand seiner altruistischen Aktivitäten. Vom Stiftungsrat der Tsering Foundation, eingereicht am 6. Juli 2025.»
    Die Bücher bedeuten für die Tibeter, dass das Wissen der Biografie Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama und seine vier Hauptverpflichtungen, in tibetischer Sprache, an die Kinder vermittelt wird. Dies ist nicht nur für die Tibeter ein Gewinn, denn die tibetisch-buddhistische
    Kultur ist eigentlich ein Weltkulturerbe und hat das Potential durch Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit und Mitgefühl zum Frieden auf der Welt beizutragen.

    Sie sind seine ergebene Schülerin und haben den Namen «Tenzin Dekyi» erhalten. Was heisst dieser Name auf Deutsch, respektive, was bedeutet er Ihnen?
    Es ist Brauch im Buddhismus, dass der Lehrer dem Schüler einen Namen gibt. Ich habe Seine Heiligkeit in einer Audienz 1991 darum gebeten. Ich erhielt den Namen «Tenzin Dekyi». Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama heisst «Tenzin Gyatso». Er gab mir also einen Teil seines Namens «Tenzin», was so viel heisst wie «Träger der Lehre Buddhas». «Dekyi» bedeutet «Glück». Der Name hat mich immer an meine Verbundenheit zu Seiner Heiligkeit und diesbezügliche Verantwortung erinnert, im Sinne Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama zu denken und handeln.

    Herr Nechung Geshe Karma, Frau Kalon Tharlam Dölma und Frau Jacqueline Tsering im tibetischen Bildungsministerium im Jahr 2023.

    Haben Sie das Bildungsministerium der Tibetischen Exilregierung besucht?
    Ja, am ersten Tag unseres Aufenthalts in Dharamsala haben wir das Bildungsministerium der Tibetischen Exilregierung (CTA) besucht. Das Treffen fand im Büro und in Anwesenheit der ehrenwerten Ministerin Frau Kalon Tharlam Dölma und deren Assistentin Frau Tenzin Pema statt. Geplant war ein kurzer Höflichkeitsbesuch, daraus wurde eine dreistündige Unterhaltung über die Kulturvermittlung und die Herausforderungen im Exil. Da die tibetisch-buddhistische Kultur im Herkunftsland Tibet, in den Schulen nicht mehr gelehrt wird, sondern durch die chinesische Regierung unterdrückt wird, ist es von enormer Wichtigkeit, dieses Wissen in der Diaspora zu fördern und am Leben zu erhalten.

    Frau Kalon Tharlam Dölma, Frau Tenzin Pema und Frau Jacqueline Tsering im tibetischen Bildungsministerium im Jahr 2025.

    Als ich zusammen mit Herr Nechung Geshe Karma – Stiftungsrat der Tsering Foundation – das Bildungsministerium im Herbst 2023 besuchte, und den Wunsch äusserte ein Projekt zu unterstützen, wurde uns ein Katalog von möglichen Projekten vorgelegt. Wir entschieden uns zielstrebig für die zwei Projekte, die sich am meisten auf Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama bezogen. Wir dachten, dass dies die zwei wertvollsten Projekte waren: die Biografie Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama und seine vier Hauptverpflichtungen. Die beiden Damen des Bildungsministerium waren derselben Ansicht. Wir teilten die Freude über die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Bildungsministerium und der Tsering Foundation. In herzlicher Verbundenheit verabschiedeten wir uns mit dem Wunsch, auch in Zukunft an einem weiteren Projekt zusammenzuarbeiten.

    Sie haben in Dharamsala noch weitere Persönlichkeiten getroffen. Dazu gehört Seine Eminenz Yongzin Ling Rinpoche. Wie haben Sie diesen hoch verehrten tibetisch-buddhistischen Lehrer erlebt?

    In der Residenz von Seiner Eminenz Yongzin Ling Rinpoche mit Frau Jacqueline Tsering

    Seine Eminenz Yongzin Ling Rinpoche wurde von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama als Reinkarnation seines Vorgängers anerkannt. Dieser wurde besonders bekannt, da er der Hauptlehrer von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama war. Während der Audienz an seinem Wohnort in Dharamsala berichtete ich über die Aktivitäten der Tsering Foundation in der Schweiz und in Indien. Seine Eminenz Yongzin Ling Rinpoche zeigte sich darüber sehr erfreut. Er sagte mir, wie wichtig Resilienz im Leben sei, da man immer auf alles gefasst sein müsse. Für meine Arbeit wünschte er mir Stärke und Glück – seine besten Wünsche begleiten mich.

    Ebenso hatten Sie eine Audienz bei Seiner Eminenz Kundeling Rinpoche. Welchen Bezug hat er zur tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz, und wie wichtig sind für ihn Ihre Aktivitäten?
    Seine Eminenz Kundeling Rinpoche ist ein hoch verehrter tibetisch-buddhistischer Lehrer. Er wurde von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama als Reinkarnation seines Vorgängers anerkannt. In früheren Inkarnationen diente er als Regent von Tibet. In seiner jetzigen Inkarnation hat er an der Drepung Gomang Klosteruniversität (wiedergegründet im Exil in Karnataka, Südindien) studiert. Heute reist er weltweit um Mitgefühl, Frieden und tugendhaftes Handeln zu lehren und zu fördern.

    Seine Eminenz Kundeling Rinpoche mit dem Präsidenten der tibetischen Gemeinschaft Herr Drongpatsang Ngedun Gyatso

    Der Präsident der Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz & Liechtenstein (TGSL), Herr Drongpatsang Ngedun Gyatso, war ebenfalls anwesend während der Audienz. Gemeinsam informierten wir Seine Eminenz Kundeling Rinpoche über die Aktivitäten der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz. Er zeigte sich darüber hocherfreut. Zwei Wochen nach unserer Audienz reiste Seine Eminenz Kundeling Rinpoche für einen einwöchigen Besuch in die Schweiz. Er hat wiederholt seine Wertschätzung ausgedrückt, betreffend der Qualität der Kulturerhaltung in der tibetischen Diaspora in der Schweiz.
    Am nächsten Tag besuchten Herr Drongpatsang Ngedun Gyatso und ich das Palpung Sherabling Kloster, um eine kurzfristig arrangierte Audienz mit Tai Situ Rinpoche wahrzunehmen. Dieser hat ebenfalls eine hohe spirituelle Autorität im tibetischen Buddhismus. Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama und Tai Situ Rinpoche unterstützen sich gegenseitig bei religiösen Aktivitäten. Ein Beispiel ist eine Zeremonie, die im September 2025 in Dharamsala stattfand, bei der Tai Situ Rinpoche und Mönche vom Palpung Sherabling Kloster Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama ein Langlebensgebet darbrachten.

    Die tibetische Frauenorganisation hat Ihnen in Dharamsala ein Geschenk als Zeichen der Wertschätzung überreicht. Können Sie uns etwas über die Bedeutung der Frauen in der tibetisch-buddhistischen Kultur sagen?
    In der Schweiz gibt es ebenfalls eine Tibetische Frauenorganisation (TFOS), die sich für die Kulturerhaltung einsetzt. Regelmässig finden Treffen, gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungen statt. Die Rolle der Frau im Buddhismus entspricht der Rolle der Frau in den jeweiligen Gesellschaften. Wir leben nicht im Indien vor 2500 Jahren. Der Kontext ist heute – und vor allem in den westlichen Ländern ‒ ein anderer.
    Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama hat gesagt, dass seine erste und wichtigste Lehrerin für Mitgefühl seine Mutter war, welche sich durch besondere Grossherzigkeit auszeichnete. Seine Heiligkeit hat sich wiederholt über die Überlegenheit der weiblichen Qualitäten der Fürsorge und des Mitgefühls geäussert. Zudem hat er 2016 erstmals tibetischen Nonnen einen Doktortitel in buddhistischer Philosophie verliehen. Dieser Titel war früher nur Mönchen vorbehalten. Sogar der Nachfolger von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama könnte eine Frau sein – so sagte er letztes Jahr in einem Interview.

    Sie sind Stiftungsratspräsidentin der Tsering Foundation und seit 40 Jahren mit dem Dalai Lama verbunden. Was fasziniert Sie an ihm und der buddhistischen Lehre am meisten?
    An Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama fasziniert mich seine vielschichtige Persönlichkeit und Geschichte, die das beste Beispiel für Resilienz ist: sein Leben war durch Härte und Pflichterfüllung geprägt, in Tibet wie auch im Exil. Er verkörpert, was er lehrt, und ist von herausragender Integrität. Für die buddhistische Gemeinschaft verkörpert er den Buddha des Mitgefühls. An der buddhistischen Lehre faszinieren mich die gelehrten Methoden zur Entwicklung des eigenen Geistes. Die zentralen Lebensweisheiten sind allumfassendes Mitgefühl, Liebe, Weisheit und Toleranz. Weiter gehört zur Lehre Buddhas, Lebewesen keinen Schaden zuzufügen, positive Handlungen zu vervollkommnen und den eigenen Geist zu besänftigen.

    Was ist das Wichtigste, das Sie vom Dalai Lama für Ihr Leben gelernt haben?
    Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie, die über Jahrhunderte ein erfolgreiches KMU in der Schweiz führte. Es ist ein grosses Glück in einer stabilen Demokratie in Wohlstand aufzuwachsen. Allerdings habe ich mich im hektischen Geschäftsumfeld nicht sonderlich wohl gefühlt. Die Beschäftigung mit Lebensweisheiten, dem Erreichen von geistiger Gelassenheit und Glück, schienen mir erstrebenswertere Ziele zu sein. Um von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama zu lernen, habe ich die Jahre 1991 bis 1998 an seinem Wohnort in Dharamsala, Indien, verbracht. Dies war nur dank meiner Familie möglich. Das Wichtigste, das ich gelernt habe, ist sicher das Mitgefühl für alle Lebewesen und das Verständnis der Interdependenz – die wechselseitige Abhängigkeit alles Existierenden.

    Im Nechung Kloster: das tibetische Staats-Orakel der Ehrwürdige Thupten Ngodup und Frau Jacqueline Tsering

    Mit welchem tibetisch-buddhistischen Kloster in Dharamsala sind Sie besonders verbunden?
    Seit meinen Studienjahren in den 1990er Jahren in Dharamsala, bin ich besonders mit dem Nechung Kloster verbunden. Dies ist das Kloster des tibetischen Staats-Orakels, dessen Medium heute der Ehrwürdige Thupten Ngodup ist. Das Nechung Kloster ist traditionell eng mit Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama verbunden und hat seit Jahrhunderten eine wichtige Beraterfunktion inne. Es ist mir eine Freude, dass der frühere Direktor des Nechung Klosters einer der Stiftungsräte der Tsering Foundation ist.

    Das laufende Jahr trägt den Titel «Jahr des Mitgefühls». Doch welche Leitidee verbindet sich mit dieser Bezeichnung?
    Das «Jahr des Mitgefühls» begann am 6. Juli 2025 und wird bis am 6. Juli 2026 dauern. Initiiert wurde diese einjährige Feier zu Ehren des 90. Geburtstags Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama von der Tibetischen Exilregierung in Dharamsala. Dieses Jahr soll an das lebenslange Engagement von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama erinnern, welches geprägt ist von Mitgefühl, Toleranz, universeller Verantwortung und Gewaltlosigkeit. Weltweit finden Initiativen und verschiedene Veranstaltungen statt, um dieses Ereignis zu feiern und zu mitfühlendem Handeln anzuregen. Dies können kulturelle Aufführungen, Ausstellungen, interreligiöse Dialoge oder Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit sein. Ich betrachte auch diesen Artikel als Beitrag zum «Jahr des Mitgefühls».

    Was können wir hier in der Schweiz von den Tibetern und ihrer Religion lernen und für den Alltag mitnehmen?
    Spricht man von Tibetern im Exil, so wird immer wieder deren Freundlichkeit, Sanftmütigkeit, Gelassenheit und Anpassungsfähigkeit erwähnt. Dies sind Eigenschaften, die unseren Schweizer Alltag positiv prägen. Der kulturelle Austausch ist für Schweizer und Tibeter eine Bereicherung. Das Tibet-Institut in Rikon leistet diesbezüglich einen wichtigen Beitrag zur Kultur- und Religionsvermittlung für alle Interessierten.
    Betrachten wir Schweizer die Schicksale einiger tibetischer Flüchtlinge, kann uns dies Demut, Dankbarkeit und Resilienz lehren. So gibt es zum Beispiel tibetische Familien, die über die ganze Welt verstreut leben: die Tochter in der Schweiz, die Mutter in Kanada, die Schwestern in Amerika, der Schwiegervater in Australien, andere Verwandte in Tibet und Indien. In solchen Fällen erschweren administrative Hürden ein freudiges Wiedersehen mit den Liebsten. Was häufig in unserem Alltag zu finden ist – an fast jedem Fest oder Chilbi – sind tibetische Teigtaschen genannt «Momo». In Tibet war dies traditionell ein Festessen.

    Interview: Corinne Remund

    www.tseringfoundation.ch


    Weitere Höhepunkte der Reise nach Dharamsala

    Jacqueline Tsering, Stiftungsratspräsidentin der Tsering Foundation, hat viele Eindrücke von ihrem Besuch in Dharamsala, Himachal Pradesh, Indien, mit nach Hause genommen. Dabei besuchte sie ihr Patenmädchen im Tibetan Children’s Village (TCV), das tibetische Altersheim «Jampaling-Elder’s-Home» sowie die Tibetische Krebsgesellschaft.

    Jacqueline Tsering mit ihrem Patenmädchen im Tibetan Children’s Village.

    Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich der Besuch meines 12-jährigen Patenmädchens im Tibetan Children’s Village (TCV). Nachfolgend einige Worte zur Entstehung dieser Schule: Die TCV-Schulen setzen sich für die Betreuung und Bildung tibetischer Flüchtlingskinder ein. Denn nach der chinesischen Besetzung Tibets 1950 und der Flucht Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama nach Indien im Jahr 1959 wurde schnell deutlich, dass eines der dringendsten Bedürfnisse die Versorgung der vielen Kinder war. Viele sind zu Waisen geworden oder wurden sonst von ihren Familien getrennt. Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama erkannte umgehend, dass die Zukunft Tibets und seiner Bevölkerung von der jüngeren Generation abhing. Angesichts dessen, schlug Seine Heiligkeit 14. Dalai Lama die Errichtung einer Schule für mittellose Kinder in Dharamsala vor. Mit den Jahren entstand ein Schulnetzwerk an verschiedenen Orten in Indien.

    Es war eine grosse Freude, mein Patenmädchen in bester Gesundheit wiederzusehen. Die «Hausmutter» und der Generalsekretär Herr Kalsang Phuntsok informierten mich, dass mein Patenmädchen zu den besten Schülerinnen der Schule gehört. Ihre Perspektive ist so gut, dass sie vermutlich nächstes Jahr an die Eliteschule wechseln wird. Sie hat schon konkrete Pläne und möchte Ärztin werden. Das Wiedersehen und die guten Neuigkeiten haben wir mit einer Schokoladentorte gefeiert. Die mitgebrachten Geschenke aus der Schweiz – darunter vor allem die Schokolade – bescherten mir leuchtende Kinderaugen meines Patenmädchens und ihrer Freundinnen und Freunde.

    Zum Abschied versicherte ich ihr, sie auch zu Hause in der Schweiz in bester Erinnerung zu behalten und an sie zu denken. Sollte sie bald die Schule wechseln, werde ich sie auch dort besuchen kommen. Der Generalsekretär Herr Kalsang Phuntsok informierte mich über diverse Projekte der TCV-Schule. Ich fragte ihn, ob alle Kinder einen Paten/Patin hätten. Er entgegnete mir, dass dem leider nicht so ist. Gegenwärtig sind 500 Kinder ohne einen eigenen Paten/Patin. Die TCV-Schule ist weiterhin auf Spenden angewiesen (www.tcv.org.in).

    Besuch im Altersheim «Jampaling-Elder’s-Home»
    Neben den Kindern war es mir ein Bedürfnis, auch den Bewohnern des tibetischen Altersheims «Jampaling-Elder’s-Home» eine Freude zu bereiten. Die Tsering Foundation spendete an einem Tag drei Mahlzeiten und ein Geldbetrag für alle Bewohner und Mitarbeiter. Dies ist das wichtigste tibetische Altersheim in Dharamsala, welches von der tibetischen Exilregierung (CTA) verwaltet wird. Es befindet sich in der Nähe der Residenz von Seiner Heiligkeit 14. Dalai Lama. Das Altersheim bietet älteren tibetischen Flüchtlingen, die niemanden haben, der sich um sie kümmert, Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung. Was mich besonders berührt hat, waren die strahlenden und freundlichen Gesichter der Bewohner, die in einfachen materiellen Umständen leben.

    Besuch bei der Tibetischen Krebsgesellschaft
    Als Letztes folgte der Besuch im Hauptsitz der «Tibetan Cancer Society». Die Tibetische Krebsgesellschaft ist eine eingetragene Nichtregierungsorganisation (NGO). Ihre Mission ist es, die zunehmende Belastung durch Krebs in der tibetischen Flüchtlingsgemeinschaft und anderen Bevölkerungsgruppen in Indien, Nepal und der Himalaya-Region zu bekämpfen. Sie engagieren sich für die Verbesserung der Krebsprävention, Früherkennung, Patientenversorgung und Aufklärung der Öffentlichkeit und bietet den Bedürftigsten mitfühlende und kompetente Unterstützung. Seit der Corona Pandemie ist die Tibetische Krebsgesellschaft der Partner in Indien für die Tsering Foundation, wenn es darum geht, Bedürftigen eine warme Mahlzeit oder warme Kleider und Decken zu spenden. Mehrere Male pro Jahr spendet die Tsering Foundation jeweils 1000 Mahlzeiten, welche meistens in Neu-Delhi an die Ärmsten verteilt werden. Der Direktor Herr Tsultrim Dorjee würdigte dieses Engagement mit einem der Tsering Foundation gewidmeten Kapitel, im Jahrbuch 2025. Es war ein freudiges Treffen mit dem Team in Dharamsala. Vor meiner Rückreise in die Schweiz verteilte ich mit dem Team der Tibetischen Krebsgesellschaft 1000 Mahlzeiten an die Ärmsten in Neu-Delhi. Verteilt wurden ein nahrhaftes vegetarisches Reisgericht, Joghurt, Früchte und ein Getränk.

    Tashi Delek! Glück und Segen!

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