Gut verpackt für die Ewigkeit

Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle – kurz Nagra – ist vom Bund beauftragt, eine Lösung für die langfristige und sichere Entsorgung von radioaktiven Abfällen zu finden. Wie diese Zielvorgabe erreichen werden soll, können Besucherinnen und Besucher bei einer Führung durch das Felslabor Grimsel erleben.

(Bilder: Ursula Burgherr) Ein ganz spezielles Gefühl, wenn der Bus 1 Kilometer in den Berg hinein fährt – bis zum Felslabor Grimsel

Langsam fährt der Bus durch den Zugangsstollen immer tiefer in das Aaremassiv hinein. Die zwei Gymnasialklassen, die Nagra-Eventikleiter Heinz Sager durch das Felslabor Grimsel führt, werden still. 450 Meter unter dem Juchlistock durch einen über ein Kilometer langen Tunnel zu fahren, ist ein ganz spezielles Erlebnis. Beim Aussteigen staunen dann alle: Mitten im Berg befinden sich Arbeitsräume, Forschungslabors, Toiletten und Küchen, in denen es sich gut leben lässt. Die Lüftung rauscht hörbar. Rund 3400 Kubikmeter Luft werden pro Stunden in den Stollen gepumpt. Forscher und Forscherinnen aus der ganzen Welt arbeiten hier tage- bis wochenlang. Sie untersuchen, wie hochradioaktive Abfälle über lange Zeit so im Gestein eingeschlossen werden können, dass sie auch bei zukünftigen Generationen keinen Schaden anrichten. «Die Tiefenlagerung ist aus heutiger Sicht immer noch der sicherste Weg der Entsorgung», meint Sager. Granit, wie es vor Ort in Massen vorhanden ist, war dafür in den 80er-Jahren die erste Wahl. Heute weiss man, dass der Opalinuston für die Schweiz noch besser dafür geeignet ist, weil er extrem dicht und praktisch wasserundurchlässig ist. Denn es besteht bei einem Tiefenlager ein geringes Risiko, dass radioaktive Teilchen über Jahrtausende herausgelöst werden und ins Grundwasser geraten. Um alle möglichen Prozesse in einem Tiefenlager durchzuspielen, bietet das Felslabor Grimsel seit 1984 ideale Forschungsbedingungen. Im Felslabor Mont Terri in Saint-Ursanne werden parallel dazu seit 1996 Experimente mit Opalinuston gemacht.

Heinz Sager erzählt einer Gymnasialklasse von den Bohrarbeiten im Stollen des Felslabors Grimsel

Ein Transgenerationenprojekt
Die Schweiz hat fünf Atomkraftwerke, die rund 40 % des Schweizer Stroms produzieren. Der Reaktor Mühleberg soll ab Ende 2019 als erster in der Schweiz stillgelegt werden. Die daraus entstehenden hochradioaktiven Abfälle werden vor der Einlagerung in einem Tiefenlager mit rund 15 Zentimeter dicken Stahlbehältern ummantelt. Doch ein solcher Behälter mit Brennstäben bleibt für ca. 200 Jahre über 100 Grad heiss. «Die Zwischenlagerung ist deshalb ein unverzichtbares Glied in der Entsorgungskette», erklärt Sager den Jugendlichen. Es dauere 40 bis 50 Jahre bis die grösste Hitze entwichen sei. Erst dann könne man die Abfälle 600 bis 700 Meter unter dem Boden tiefenlagern und weitere rund 100 bis 150 Jahre später endgültig verschliessen. «Aus heutiger Sicht rechnen wir mit 2600 bis 2700 Behältern mit radioaktivem Abfall», berichtet Sager. Im Felslabor Grimsel werden auch diverse Tests gemacht, wie lange zum Beispiel Karbonstahl als Verpackungsmaterial hält, bevor er zerfällt. Denn alles zerfällt irgendwann. «Wir gehen von maximal 10’000 Jahren aus», sagt der Nagra-Experte. Für die Schülerinnen und Schüler sind solche Zeithorizonte kaum vorstellbar. «Die meisten Menschen denken an sich und die nächsten zwei Generationen. Nicht weiter. Aber die radioaktiven Abfälle strahlen praktisch ewig. Deshalb müssen sie so eingepackt werden, dass zu keiner Zeit zu viele Stoffe aus dem Lagerbereich entweichen können. Auch bei Tausenden von zukünftigen Generationen nicht.» Beeindruckt hören die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten dem Fachmann zu. Ob dieser den Betrieb des ersten Tiefenlagers ca. 2050/2060 noch erleben wird, ist fraglich. Mit ziemlich grosser Sicherheit aber die anwesenden 17- und 18-Jährigen.

Bei der Endlagerung von radioaktiven Abfällen im Gestein wird in Etappen von Jahrmillionen gerechnet.

Es braucht viel Aufklärungsarbeit
Alle paar Hundert Jahre kann es in der Schweiz zu Erdbeben bis zu 7,5 auf der Richterskala kommen. Sie schlagen Wellen und können auch Gestein bewegen. Gesteinsverschiebungen im Untergrund würden im Fall eines Tiefenlagers eine fatale Schwächung der Sicherheit bedeuten. Darum sind Standorte im Fokus, die keine tektonischen Schwächezonen aufweisen und besonders reich an Opalinuston sind. Die Standortauswahl wird dadurch räumlich eingegrenzt. Der Bundesrat will drei Gebiete in Zürich Ost, Jura-Ost und Nördlich Lägern weiter untersuchen lassen, die ideale Voraussetzungen haben. «Die Diskussionen sind sehr emotional. Es braucht von Nagra-Seite her viel Aufklärungsarbeit», erzählt Sager der Schulklasse. Dass Radioaktivität ein natürliches Phänomen ist, zeigte er schon vor dem Betreten des Felslabors Grimsel. Sein Messgerät knisterte bereits, als die Gruppe noch mitten im idyllischen Naturgebiet des Berner Oberlandes stand und seinen Begrüssungsworten lauschte. «Der Mensch hat pro Kilogramm Körpergewicht im Schnitt 130 radioaktive Zerfälle pro Sekunde. Sie sind natürlich und ungefährlich», sagte er dazu.

Ursula Burgherr

Im Stollen liegt auch die weltberühmte Kristallgrotte

Führungen im Felslabor Grimsel

Das Felslabor Grimsel empfängt von Montag bis Samstag Gruppen ab zehn Personen für Führungen. Um eine frühzeitige Terminabsprache wird gebeten. Kleinere Gruppen auf Anfrage. Die Besichtigungen finden von Ende Mai bis Mitte Oktober statt. Sie dauern rund zwei Stunden und sind kostenlos. Das Felslabor ist sowohl mit dem Postauto als auch mit dem Privatfahrzeug erreichbar. Treffpunkt ist normalerweise die Gerstenegg.

Weitere Infos auf:
www.nagra.ch/de/grimselfelslabor.htm

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